Cut! Szenenwechsel! Unser Entwicklungsmikrokosmos war längst ein virtuelles, netzwerkorientiertes Team geworden, dass sich im Konzernzusammenhang fest etabliert hatte. Das Ding brauchte mich nicht mehr, und ich brauchte was Neues. Für gut zwei Jahre tauchte ich in sehr operativ orientierte Projektarbeit ab, was insofern spannend war, als dass es in einem anderen Produktumfeld in erster Linie um Team Building für ein operativ schlagkräftiges Contact Center Team ging. Das Team war cool, aber das Projekt endete genauso schnell, wie es gekommen war. Wir waren scheinbar sowas wie eine Transitionshilfe.
Für mich war das Ende dieser Arbeit der Anfang von etwas völlig Neuem. Und Großem. Sie nannten das Editor und hatten einfach die Vorstellung, dass da mal „einer was mit den internen Medien machen muss“. Keiner der Entscheider hatte konkrete Vorstellungen, aber alle wussten, das es so nicht weitergehen konnte. Ich hingegen hatte die Herausforderung längst identifiziert, mit meinen Kumpels aus der IT-Abteilung längst besprochen, was zu tun ist, und als vermutlich Erster kapiert, welch hoher Grad von konzeptioneller Freiheit aber auch Verantwortung in dieser nur vordergründig unscheinbaren Stelle zu holen war. Da ich wusste, was CSS und HTML war, und gleichzeitig eine Idee hatte, wie man eine nachhaltige Kommunikationsstrukutur in einer Konzernsparte von der Größe eines mittelständischen Unternehmens baut und nachhaltig an die Welt andockt, rauschte ich durch das AC wie ein ICE durch den Bahnhof von Wolfsburg. Ich wollte es unbedingt und war kaum zu halten.
Was wir hatten, war ein fertiges CMS eines lokalen Software-Herstellers. Das war prinzipiell erst einmal eine gute Sache, da man in einem festen und leicht zu bedienenden Rahmen an der Redaktionsstruktur unseres Intranets arbeiten konnte. Ich hatte von vornherein den Ansatz, mit einem virtuellen Redaktionsteam zu arbeiten. Virtuelle Teams waren im hochgradig prozessorientierten und relativ traditionell-hierarchisch aufgebauten Contact Center was völlig Neues. Die Skepsis flog mir aus allen Richtungen nur so zu, aber da niemand eine bessere Idee hatte, ließ man mich machen. Außerdem hatte ich längst den Schulterschluss mit der technisch verantwortlichen IT-Kollegin geübt, da passte schon kein Blatt Papier mehr dazwischen. Fortan hatten wir nicht nur quasi Narrenfreiheit, sondern auch sowas wie ein Guerilla-Image. Nebenbei führte ich im Auftrag des Managements immer noch in verschiedenen Bereichen Prozessanalysen durch. Ich denke, man wollte verhindern, dass ich völlig abdrehe und sicherstellen, dass ich den Blick für die operative Realität behalte. Mir war es Recht.
Die strukturelle Entwicklung der Redaktionsarbeit war überaus erfolgreich, und in sehr enger Zusammenarbeit mit dem Software-Hersteller gelangen uns auch technisch konsequente Weiterentwicklungen. Ich gelangte gleichzeitig mehr und mehr in die Rolle des internen Beraters für alles was Web und Social Media anging, und mit den Jahren war die Interaktionsfähigkeit unseres Intranets nicht mehr auf dem neusten Stand. Und hatte auch seine Grenzen erreicht, was Konfiguration anging. Sabine schlug darauf hin einen radikalen Schritt vor: Lass uns das CMS auf Open Source Basis bauen! Hinter verschlossenen Türen bereiteten wir die Entscheidungsvorlage für das Management vor und sondierten den Markt.
Ich erinnere mich nicht mehr an den ausschlaggebenden Grund, aber wir hatten uns für DNN entschieden. Plötzlich waren wir für alles selbst verantwortlich. Konfiguration, UAM, Migrationsvorbereitung und natürlich die Migration selber. Der Aufwand war beträchtlich, und Konflikte schienen vorprogrammiert, denn wir mussten ziemlich starke Änderungen an der Architektur vornehmen. Ohne das großartige Redaktionsteam hätten wir das auch nicht geschafft, denn sie waren es, die mit Engelsgeduld bei den Usern die notwendige Akzeptanz durch den Change hindurch wieder hergestellt haben.
Dieses Riesenprojekt irgendwo zwischen Innovation und Irrsinn hatte Aufmerksamkeit erregt. Und tatsächlich bot uns die DNN-Welt plötzlich integrativ Optionen, die wir vorher einfach so nicht hatten. So bewegten Sabine und ich mich zwischen verschiedenen Website- und Content-Projekten als interne Berater hin und her, diskutierten unsere Ideen mit Entwicklern und Kreativen verschiedener Agenturen und machten viele Dinge auch einfach selbst. Von digitalen Weihnachtskarten bis interaktiven Web-Marketing-Aktionen („Blue Apple“ war legendär, leider habe ich die Rechte an der Idee abgetreten) stellten wir alles mögliche her. Nur „Chefredakteur“, das war ich nicht mehr. Und es brauchte mich auch keiner mehr für das Intranet, die Struktur trug sich selbst. Der Job war erledigt.