Ready for take off

Was macht der frischgebackene Akademiker so Mitte der Neunzigerjahre, wenn er noch nicht so richtig weiß, wohin die Reise geht? Richtig, er gründet eine Familie und lenkt erst einmal ein Taxi. Letzteres war zu der Zeit bei leichter Orientierungslosigkeit gar keine schlechte Idee: Man konnte damals davon noch eine kleine Familie ernähren und traf auf den anderen Taxen die anderen Geisteswissenschaftler wieder. Außerdem begegnete man jeder Menge interessanter Menschen mit noch interessanteren Geschichten. Direkt in diesen vorläufigen Bruch in der noch nicht so richtig durchdachten Karriere kamen die Flugzeuge zu mir zurück. Gut, ich sollte sie nicht bauen, sondern lieber Tickets für eine wirklich sehr große, britische Airline am Telefon verkaufen, aber spannend und neu war das allemal. Das neue Millenium konnte kommen.

Das Verständnis für das Funktionsprinzip des CRS war mir intuitiv gegeben. Allerdings war am Reservierungssystem selber nichts intuitiv. Klingt komisch, ist aber so. Wie bei allen Airlines zu der Zeit, vertrauten auch die Briten auf so etwas wie eine semi-grafische Oberfläche über einem zu Grunde liegendem Buchungssystem, dass eigentlich nur kryptische Eingaben verstand. Da es aber viel zu aufwendig war, einfache Reservierungs- und Fulfilment-Abwicklung in einer komplexen Kryptografie zu schulen, existierte ein „Front-End-System“ (heute würde man UI sagen ;-), das mit einer Fülle von Shortcuts auf einem polychromen Screen (okay, es konte vier Farben…) wahre Prozesskettenorgien durchführen konnte. Das Frühneunziger-Software-Monster konnte natürlich mit einer „Maus“ als Eingabehilfe (noch) nichts anfangen, stattdessen gab es ein sogenanntes Keypad, eine nicht beschriftete 5×5-Matrix-Mini-Tastatur, deren Funktionsgehalt auf dem Bildschirm angezeigt wurde. Unfassbar aufwendig,aber lief.

Als lokaler Tarifspezialist der ersten Stunde und systemischer Oberchecker (so die etwas arrogante Selbsteinschätzung zu der Zeit) fand ich mich noch vor dem Jahrtausendwechsel plötzlich als Business-Vertreter in einem örtlichen Entwicklerteam wieder. Genau genommen waren wir zu zweit. Das hielt uns aber nicht davon ab, als dynamisches Duo voller UX-Ideen, ausgerechnet aus dem großen norddeutschen Dorf mit Straßenbahn heraus, schon irgendwie geile Sachen für unsere Kollegen zu bauen. Der HQ-Blick aus dem nicht allzu fernen London war nicht ohne Skepsis, auch ein bisschen von oben herab, trotzdem wurde Release um Release freigegeben. Rüdiger und ich waren jeder für sich gefühlt drei Meter groß.

Es folgte parallel zum hierarchischem Aufstieg (der mir nichts bedeutete, außer das mein Einfluss auf die Organisation und das Einkommen wuchs) die Entsendung zur globalen Entwicklung neuer Buchungsoberflächen. Pünktlich zum neuen Millenium sein digitales Herz neu erwachen zu sehen, war super, in konzernweiten Workshops von betriebsblinden Prinzipienreitern frustriert zu werden, war dagegen nicht so toll. Der Spagat zwichen Führungskraft und Business-Schnittstelle in globalen IT-Projekten war dann häufig ein improvisierter Eiertanz und weniger ein geschickter Slalom-Akt. Und funktionieren konnte das nur mit dem fantastischen Rückhalt meiner verschiedenen Teams. Rückwirkend betrachtet ist allerdings die Tatsache, in fünf Jahren fast 30 Dienstreisen nach London gemacht zu haben, ohne irgendwas von der Stadt zu sehen, auch irgendwie doof.

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